Angolareise 2006

BERICHT ANGOLAREISE

von Hans-Martin Hirt,  16.2.-6.3.06

 A. HINTERGRUND POLITIK

PORTUGAL: Kurz nach Mitternacht, am 25.April 1975, erklingt im (katholischen!) Rundfunk Portugals das verbotene Lied "Grandola, maurische Stadt". Für die Bevölkerung ist es ein Signal zum Aufbruch: die Bevölkerung marschiert auf die Hauptstadt Lissabon, steckt den Soldaten Nelken in die Gewehrläufe ("Nelkenrevolution") und setzt der Diktatur und Folter ein Ende.

Die Opposition übernimmt die Herrschaft und setzt gleichzeitig der Kolonialzeit Portugals ein Ende. So wird im Zuge dieser "Nelkenrevolution" ANGOLA ganz plötzlich und völlig unvorbereitet unabhängig im Jahre 1975. Im gleichen Jahr beginnt dann schon der bewaffnete Konflikts zwischen Regierung (MPLA) und der Befreiungsbewegung (UNITA). Während des kalten Krieges dient nun Angola als Schauplatz der Supermächte: Die ehemalige Sowjetunion und Kuba unterstützen die

MPLA (Dos Santos) und USA zusammen mit Südafrika die UNITA (Jonas Savimbi). Aufgrund dieses Bürgerkrieges werden viele Teile des Landes jahrelang völlig unzugänglich.

Seit April 2002, erst ermöglicht durch Savimbis Tod, herrscht in Angola ein Waffenstillstand und das Land ist offen. Noch sind viele Infrastrukturen zerstört und die Verminung weiter Landesteile vor allem im Süden ist ein großes Problem. Ein Teilnehmer sagte mir "Für jeden von uns hat es noch eine Mine in Reserve: 12 Millionen Einwohner leben in Angola auf dem Boden, 26 Millionen Minen lauern auf sie in dem Boden...."

B. HINTERGRUND GESUNDHEIT

Während des Bürgerkriegs entwickelte sich die Medizin auf beiden Seiten der Kriegsparteien in sehr unterschiedlicher Weise: Da UNITA v.a. im Busch agierte, spielten Heilpflanzen eine wichtige Rolle. Auf der Regierungsseite nahm die westliche Medizin den entscheidenden Platz ein, während Vorbeugungsmassnahmen vernachlässigt wurden. Mittlerweile gelang es dem Gesundheitsministerium, zum großen Teil das medizinische Personal der UNITA ins Gesundheitswesen der Regierung zu integrieren. Der jetzige Gesundheitsminister, den wir besuchten, ist Mitglied der UNITA!

Noch konzentriert sich die gesamte medizinische Arbeit auf die nationalen und provinziellen Krankenhäuser, dort werden die meisten Ressourcen verbraucht. Das ist wohl afrikaweit so, aber Angola ist diesbezüglich noch schlechter gestellt: Der lange Bürgerkrieg zerstörte die meisten ländlichen Basisgesundheitsstrukturen. Außerdem war die Basisgesundheit in all diesen Jahren keine Priorität. Von 1997 bis 2001 wurden z. B. durchschnittlich nur 17% des Gesundheitsbudgets für die Primärversorgung (Gesundheitsposten, - zentren und Ausgaben für Epidemien) ausgegeben. Gleichzeitig erhielt die Tertiärversorgung (Nationale und provinzielle Krankenhäuser sowie die Evakuierungsmassnahmen) 40% bis 53%!

Diese geringe Basisgesundheitsversorgung führt dann zu den hohen Sterblichkeitsraten!

Wenn man bestimmte Indikatoren des Gesundheitszustands betrachtet, gehören die

Angolaner zu den am Schlechtesten versorgten:

- Kindersterblichkeit (im ersten Lebensjahr) pro Tausend Lebendgeburten: 66 in 1996, 150 in 2001 (ohne Berücksichtigung der von Unita kontrollierten ländlichen Gebiete)

- Kindersterblichkeit (unter 5 Jahren) pro Tausend Lebendgeburten: 274 in 1996, 210 in 2004.

- Unterernährung, unzureichende Wasserversorgung, sanitäre Probleme und nun auch AIDS tragen zu hohen Sterblichkeitsraten und geringer Lebenserwartung (2005: 38,4 Jahre!) bei.

- Die am weitesten verbreiteten Krankheiten: Malaria, dann Atemwegserkrankungen und an dritter Stelle durch Bakterien oder Ämöben verursachte Durchfallerkrankungen, weiterhin Typhus und Bilharzia.

- In den letzten Jahren wurden Epidemien von Meningitis und Masern registriert. Außerdem ist weder Polio noch Lepra eliminiert. Die Schlafkrankheit und TB sind auf dem Vormarsch, Tendenz steigend!

- AIDS nimmt rapide zu. Jährlich sterben 21.000 Menschen daran. Eine kleine Erhebung unter Schwangeren in Luandas Krankenhäusern zeigt einen Anstieg von 1,1 % in 1993 auf 8,6% in 2001. Heute wird die Prävalenz unter den 11 Millionen Einwohnern mit 3,9% angegeben. Andererseits wird erst seit 2001 Geld aus dem Gesundheitsbudget für AIDS ausgegeben, etwas spät!

- Es kommen 5 Ärzte auf 100 000 Einwohner, und nur 20 % der Bevölkerung hat einen Zugang zu essentiellen Medikamenten.

- Weniger als 50 % der Schwangeren gebären unter Mithilfe von qualifiziertem Gesundheitspersonal. Ein Drittel der Schwangeren hat keinerlei prenatale Untersuchung. .

- Das Impfprogramm wurde bis 2000 allein von NROn und UN-Institutionen finanziert, erst 2001 wurde es ins staatl. Budget aufgenommen.

- Hunderte von Gesundheitsposten und Gesundheitszentren sind zerstört, beschädigt oder verlassen, v.a. in den ländlichen Gebieten. Dazu ist die Zahl der Krankenhäuser seit 30 Jahren unverändert geblieben.

Von den ländlichen Gebieten, die bis 2002 von UNITA kontrolliert wurden sind kaum Zahlen vorhanden, man weiß jedoch, daß die Gesundheitsversorgung dort wesentlich schlechter war und noch ist!  Die an die Küste angrenzenden Provinzen waren während der Kriegsjahre eindeutig besser gestellt, weil gut erreichbar und wenig vom Krieg betroffen. Das läßt sich an den Ausgaben von 1997 bis 2001 erkennen:

- Durchschnittliche Ausgaben für Gesundheit per capita in den Küstenprovinzen 8,80 US$, im Inland nur 2,16 US$.

- Achtzigtausend Kinder sind allein in 1998 durch Landminen verletzt worden. 27 Jahre Krieg hat das Land traumatisiert

 C. ANGOLA IST ARM UND REICH

Reich: Etwa 30.000 Pflanzen werden im tropischen Afrika in der traditionellen Medizin verwendet. Nur 1% davon sind jedoch soweit erforscht, dass sie auch Zugang zur "modernen Medizin" fanden.

Für den angolanischen Dorfbewohner sind diese "reimportierten" Medikamente dann jedoch zu teuer. Die restlichen 99% der Heilpflanzen jedoch stehen dem Patienten oftmals auch nicht zuverlässig zur Verfügung: sind diese doch meist schlecht konserviert, völlig unsicher in der Dosierung, und über ihre Nebenwirkungen ist dem Heiler oft gar nichts bekannt.

In der Theorie stellen der Schutz, Anbau und Verwendung von Heilpflanzen eine wertvolle Komponente im "Primary Health Concept" der Weltgesundheitsorganisation dar. In der Praxis aber gibt es kaum Fortschritte. Dabei liessen sich eine Vielzahl der in Angola vorkommenden Krankheiten (Malaria, Wurmerkrankungen, Hautprobleme, Rheuma, Bronchialerkrankungen, Durchfallerkrankungen) zu einem grossen Prozentsatz gut mit Heilpflanzen bekämpfen........Aber: Wie gross ist die Bereitschaft der Politik, sich hier zu engagieren? Vom Ausland, WHO usw kann sich der angolanische Patient wenig erwarten. Die UNITA hat ihren Krieg bisher aus Diamantenverkäufen finanziert, die MPLA verwendete dazu ihre Erdölressourcen. Es ist nun Aufgabe der Kirchen, dass es einen weiteren Reichtum gibt, der über alle Parteigrenzen der Bevölkerung zur Verfügung steht: Kostenlose Arznei als Geschenk der Schöpfung!

D. REISEVERLAUF UND SEMINAR

16.2.06: Dieses Seminar wurde drei Jahre lang vorbereitet.

17.2. Margarethe Roth, CFI Fachkraft, holt mich freundlicherweise auf dem heissen Flughafen ab. Meine Ankunft, Zollkontrollen usw sind sehr zivilisiert im Gegensatz zu dem was ich von Kinshasa gewohnt bin. Mehrere angolanische Ärzte stehen ebenfalls zum Empfang bereit, es ist mir ja echt peinlich dass sie deswegen einen halben Tag ihre Patienten alleine lassen. Margarete quält sich eine ganze Stunde durch den Stau um auch nur 2 km zum Gästehaus zurückzulegen. Die grosse Menge an teuren Privatautos legt den Verkehr hier täglich lahm. Das Gästehaus mit 85 Euro pro Nacht ist mir viel zu teuer...aber es gibt nichts anderes.

18.2. Gott sei Dank verlassen wir das teure Luanda. Wir treffen uns zunächst mit den anderen Seminarteilnehmern am Busplatz. Dort, in einer grossen Wasserpfütze vor einem Hotel, waschen sich 15 junge Männer darin - zu meinem Entsetzen trinken sie das Wasser auch. Ein Arzt sagt zu mir "Reg Dich nicht auf, die haben alle im Krieg als Kinder einen Schuss abbekommen, die sind halt so..."

Wir fahren 300 km bequem auf eine Teerstrasse am Meer entlang nach Süden in die Stadt Sumbe. Dort treffen wir uns mit weiteren Seminarmitgliedern am Sitz der ASBC "Association Samuel Bruce Coles", einer Vereinigung eines aktiven Baptistenpfarrers (Pastor Adelhino), der eine Gesellschaft zu Ehren eines früheren Missionars gründete.

Weiter geht die Fahrt ins Inland: 7 Stunden anstrengende Fahrt liegen vor uns nach Seles, Amboiva, Dumbi. Ehrlich gesagt, Dumbi liegt am Arm der Welt. Es ist der Geburtsort von Pastor Adelhino. Die Hälfte der Häuser ist ohne Dächer, vom gegenüberliegenden Hügel schoss die UNITA das Dorf in Schutt und Asche. Alles, was wir verwendeten, musste erst weither von Amboiva von der Welthungerhilfe geholt werden: Matratzen, Eimer, Kochtöpfe, Stühle....einfach alles. Mir wäre bei der Vorbereitung des Seminars das Herz in unvorstellbare Tiefen gerutscht - nicht jedoch Margarethe. Und natürlich freute sich die Bevölkerung bis hin zum Landrat unwahrscheinlich, dass in ihrem so zerstörten und verlassenen Gebiet jetzt, zum ersten Mal nach dem Krieg, ein Seminar stattfinden durfte!

Ich bekomme ein neues Zimmer in der von der UN erbauten Schule mit Matratze am Boden - sehr gut - alle anderen müssen, ob Arzt oder Heiler, mit dem Matratzenlager Vorlieb nehmen. Es gibt keine Beschwerden!

19.2. Alle Seminarteilnehmer sind schon da: 9 Ärzte, ein Vertreter des Gesundheitsministeriums, 1 Parlamentarier mit Leibwächter, Heiler, Multiplikatoren...es werden immer mehr. Pastor Adelhino hat eine Rundhütte konstruiert, als Klassenzimmer, nur: wir werden regelrecht von der Bevölkerung "umrundet"

20.2. Nach der Andacht muss ich einen Wutausbruch simulieren: Entweder Pastor Adelhino schickt alle überzähligen Teilnehmer wieder heim (auch wenn diese 500 km weit angereist kamen) oder ich streike zu unterrichten. Wir hatten uns auf ja 35 Teilnehmer geeinigt! Adelhino willigt ein, aber ständig kommen neue "Teilnehmer" von weit her angereist.......Da die Küche unzulänglich funktioniert, muss Margarethe Roth oft bis Mitternacht in der Küche arbeiten....

19.2. Mittags - 26. 2. Morgens: Seminar. Programm

 Montag: Andacht (3  Weise aus dem Morgenland----Gute Samariter) Vorstellung-Gruppenarbeit-techn. Details, Pflanzen des Posters suchen, erkennen, Artemisia säen, Artemisiatee kochen und probieren

Dienstag: Andacht (Wie heilt Jesus? Markus 4, ab 21 und Lukas 9, ab 10) Gruppenarbeit; Malaria: Vorbeugung und Behandlung, Dosierung allgemein auch bei Kindern, Bau von Apothekerwaage für jeden, Produktion von Aktivkohle. Dias: Erosionsschutz

Mittwoch: Andacht: Lukas 9,10-17: Speisung der 5000.  Gruppenarbeit: Definition Natürliche Medizin. Haltbarmachung von Arzneimitteln, Nahrungsmitteln, Saatgut; Kontrolle mit ausgeteilten Hygrometern. Seifenherstellung Kosmetik. Dias: Malaria

Donnerstag: Andacht: Offenbarung 22,1-2 Gruppenarbeit: Weitere Fragen zu Artemisia! Hautprobleme: Verbrennungen, Hautkrankheiten, Abszesse. Produktion von Krätzeöl. Dias: Heilpflanzen-Quiz

 Freitag: Andacht: Sprüche 17,22. Gruppenarbeit: Wie arbeiten wir mit Heilern zusammen? Grenzen zu Zauberei. Produktion von Kosmetiksalbe, Rheuma- Hämorrhoidensalbe. Unterricht: Therapie der Symptome bei AIDS Patienten

Samstag: Andacht: Lukas 5,1-11. Unterricht: Anlage eines Heilpflanzengartens mittels Agroforestry. Weiterarbeit zur AIDS Problematik, Austeilen von Materialien zur Weiterarbeit. Offizielle Schlussworte vom Landrat. 

 

Man sagte mir, dass sei das erste Mal dass überhaupt jemand in Angola zeigen würde, wie man Seife herstellt!

Da meinem Mitarbeiter die Einreise verweigert wurde, musste ich allen Unterricht selber gestalten. Allerdings war das Plenum extrem dankbar , pünktlich und aufmerksam, es war manchmal mir fast schon peinlich, den Vergleich mit Kongolesen anzustellen, die eher fröhlicher, lärmiger und unzuverlässiger sind.

25.2. Das Seminar wird am Abend feierlich beendet; sogar Landrat und Polizeipräsident kamen 40 km weit hergefahren

26. 2. Adelhino hält Sonntagsandacht und Taufe in der Rundhütte. Im Dorf gibt es keine Kirche! Nachmittags Fahrt 40 km nach Kasonge zum Landrat, der uns wehmütig zeigt, was alles funktioniert hatte, als noch 30 Europäer hier wohnten: Strom, Wasser, Schlachthaus...

27.2. Autofahrt nach Sumbe über Stock und Stein, Übernachtung in einem "Containerhotel" am Strand, ich schwimme etwas am völlig vermüllten Strand, unvorstellbar, wie eine Landschaft so kaputt gehen kann....was für eine Schande für Coca Cola und Co., so mit Dosen die Dritte Welt zuzumüllen...

28.2. Frühmorgens geht die Fahrt nach Luanda zurück; es ist Fasching und wir müssen mit Verkehrsbehinderungen rechnen! Wir finden endlich ein katholisches Gästehaus, zu einem akzeptablen Preis von 35 USD pro Einzelzimmer.

1. 3. Besuch bei der Welthungerhilfe, die ebenfalls an einem Seminar interessiert wäre, 2007 in Amboiva. Besuch bei Druckereien.

2.3. Büroarbeiten; Besuch beim UNITA Gesundheitsminister, der sich sehr über unser Artemisia Projekt freut. Dr. Baptista kommt und wir singen alle Seminarlieder auf Kassette zum Verteilen an die anderen Seminarteilnehmer...

4.3. Wir haben alle Seminarteilnehmer aus Luanda zu einer Konferenz eingeladen, "Wie geht es weiter mit anamed Angola" Rege Teilnahme

Sonntag 5.3. Von 10.12 Uhr Gottesdienst mit Pfr. Adelhino - typisch für ihn, nicht in einer Kirche, sondern in einer von ihm gegründeten Schule - im Aussenbezirk Luandas (in Anblick der Müllberge müsste man von "Slum" sprechen.) Ich darf predigen, anschliessend zeigt ein Mitarbeiter wie man den überall hier wachsenden Neembaum medizinisch verwenden kann. Abends: Abflug auf dem sehr geordneten Flughafen.

5. März Ankunft via Lissabon in Stuttgart - Schneekatastrophe!

 E. DANKE!

Am Schluss möchte ich allen Beteiligten sehr herzlich danken; den Spendern in Deutschland, den Menschen und auch den Autoritäten in Angola; ganz besonders der CFI Fachkraft Margarethe Roth für die sehr gute Durchführung dieses Seminars unter schwierigsten Umständen, für die hervorragende und selbst-aufopfernde Organisation in jedem Moment, für ihr grosses Gottvertrauen und ihre Gelassenheit gegenüber afrikanischen Unzulänglichkeiten auch in unwegsamer Situation!

Herzlichen Dank dem Unruheherd Pastor Adelhino der ständig neue Initiativen entwickeln muss, und selbst doch sehr bescheiden lebt. Und schon jetzt entschuldige ich mich bei allen Minenopfern für das Unheil, das ihnen durch Minen auch aus europäischer Produktion angetan wurde und die weiterhin im Boden schlummern

Und kann nur alle Afrikaner bitten: Hört auf mit allen Kriegen!!!  

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