Kamerun 2008 - German

 

BERICHT: SEMINARREISE KAMERUN 18.5.-9.6.2008

von Dr. Hans-Martin Hirt

Einleitung:

Um es gleich vorab zu sagen: Dank der Unterstützung durch alle Spender wurde dies zu einem gelungenen Projekt!

Kamerun hat eine Bevölkerung von 17 Millionen Menschen. 48% leben unter der Armutsgrenze, 30% sind ohne Arbeit, etwa 7% sind HIV positiv.

Neben AIDS zählen zu den wichtigsten Krankheiten: Durchfall, Hepatitis, Typhus, Malaria, Gelbfieber und Bilharzia. Unter anderem die enormen Auslandsschulden von 10 Milliarden USD verhindern die notwendige Gesundheitsfürsorge vor allem in ländlichen Gebieten.Politik: Damit wir das nächste Seminar in Kamerun halten dürfen, kann ich hier politisch nicht deutlich genug sein, bitte unter "amnesty international" die traurige Realität erfahren.

Umso wichtiger also die Hilfe zur Selbsthilfe, denn Selbsthilfe ist ja nun auch ein wichtiger Schritt zu Emanzipation, und unsere Arbeit ein Training in Sachen Demokratie, Zivilcourage und Eigenverantwortung!

18.5. Frühmorgens fährt von Winnenden aus noch kein Zug - also muss ein Taxi zum Flughafen Echterdingen genommen werden! Mit 76 kg Gepäck war ich unterwegs! Guter Flug mit Air France nach Douala, der "Wirtschaftshauptstadt" Kameruns. Keine Probleme am Zoll!!! Desire Tchigankong, ein sehr aktiver Teilnehmer vom letzten Kurs, holt mich am Flughafen ab. Ankunft abends im Gästehaus CATHOLIC PROCURE im nicht ganz ungefährlichen Hafenviertel. Gott sei Dank mit Klimaanlage! Es ist heiss und feucht, nicht umsonst nannten die Kolonialherren die Stadt "Das Grab der Weissen"!

19.5. Einkäufe. Überall gibt es Gesundheitsläden, chinesische Kliniken der "Natürlichen Medizin" usw, teure Vitaminpräparate, chinesische Heilpflanzenpräparate gegen Bluthochdruck, Diabetes, Fettsucht, Krebs...man sieht die sogenannte "Zivilisation" hat Einzug gehalten.....

20.5. Nationalfeiertag, ohne dass ich sehen könnte dass irgend jemand feiert.. Desire zeigt mir einen Stadtteil in welchem indische Niembäume wachsen. Rege Gespräche im Gästehaus: Besucher wollen gleich unsere Bücher, Poster, Artemisiatee kaufen....an der Wand des Gästehauses hängt unser Poster.

21.5. Fahrt nach Bamenda. Desire hat die vornehmste Busgesellschaft herausgesucht, dennoch gibt es Betrunkene und ohrenbetäubende Musik! Desire kümmert sich auch darum, dass wir einen vorderen Platz im Bus bekommen. Nach 3 Stunden Wartezeit fahren wir endlich ab. Das bedeutet aber keine Ruhe: Zwei Marktschreier wechseln sich im Gang im Bus darin ab, ihre Produkte anzupreisen: der eine für Zahnpasta (15 Minuten), der andere predigt 2 Stunden lang chinesische Heilmittel an, beginnend mit Schmerzmittel und - wie kann es anders sein - endend mit Potenzmitteln. Es wird reichlich gekauft, vielleicht nur damit diese endlich ruhig werden.....

Ich geniesse jede Steigung denn jedesmal wird das Klima erträglicher: Douala liegt am Meer, Bamenda dagegen 1240 m hoch Ankunft in Bamenda: Sister Ann (presbyterianische Schwester) und Reverend Samuel (Leiter eines Waisenhaus-Projektes) holen uns ab, und bringen uns direkt in das Gästehaus, das presbyterianische "Church Center Mankon".

22.5. Besuche bei Autoritäten: Gesundheitsamt, wo wir auch das DED Büro besuchen. Empfang durch das "anamed comite" im neuen "anamed Zentrum", ein mangels Finanzen angemietetes, eher baufälliges Haus. Besuch bei "Unique Printers", dem Buchdrucker, zu Diskussionen über Preis und Qualität für den Druck unserer Bücher.Besuch beim nationalen Leiter der Apothekerkammer Dr. Nkwenti, ein Christ. Er unterstützt unsere Arbeit, sagt er. Er beklagt die Konkurrenz der "medicaments de la rue", der Strassenverkäufer....ich denke der Durchschnittsbürger hat wohl gar nicht das Geld um in die Apotheken zu gehen.....

23.5. Besuch beim Governor der Nordwestprovinz...welche Ehre von ihm empfangen zu werden. Er ist ein junger Muslim aus dem Norden und heisst unser christliches Seminar herzlich willkommen! Er residiert in der von Deutschen errichteten Trutzburg hoch über dem Talkessel von Bamenda! Anschliessend Besuch beim "König", dem "Fon of Chomba", der zunächst feierlich auf seinem Thron aus Leopardenfellen und Elefantenzähnen sitzt, dann aber immer persönlicher wird und uns ganz intensiv alle seine Innenhöfe, Zauberfiguren, Richtersitze, Produktion von "Heiligem Wasser" usw zeigt! Anschliessend Besuch im Hospital der Franz-von-Assisi Schwestern, denen eine Eigenproduktion von Arzneimitteln sehr gelegen käme...

24.5. Besuch bei Sr. Ann und Rev. Samuel im Waisenhausprojekt mit dem Namen "The Healing Garden". Gerade arbeiten dort auch 2 Jugendliche aus Deutschland mit, die dort ein Jahr lang Freiwilligendienst machen. Wir machen insbesondere Fotos von einem 4jährigen Waisenjungen, dessen Stirn vor einem Jahr voller Abzesse war und den Sr. Ann mit dem "anamed Schwarzen Stein" wieder gesund bekam. Besuch des Marktes. Wir stellen fest, dass auch hier das "Aufhellen" der schwarzen Haut mit allen chemischen Mitteln bis hin zu Quecksilberseifen gang und gäbe ist. Was die 3%igen Quecksilberseifen betrifft: Es ist ein Armutszeugnis für das Land Kamerun, das es diese Importation zulässt. Nach anamed Protesten bei WHO und WTO wurde jetzt die Herstellung in Europa nicht eingestellt, sondern einfach von Dubai übernommen!

26.5. Um 10 Uhr ist die Seminareröffnung mit allen Autoritäten bis hin zum Stellvertreter des Governors, und dem König höchstpersönlich! Er hat eine 6-seitige Rede verfasst, in der er "anamed international" aufruft, nicht nur über Artemisia und Heilpflanzen zu sprechen, sondern auch Seminare anzubieten über die afrikanische Spiritualität, bis hin, wie er uns spitzbübisch provoziert, zu Forschungen über "schwarze Magie"! Nach dem Mittagessen kann endlich das Seminar beginnen...aber mich trifft der Schlag, mit 45 Personen! Die Seminarteilnehmer sind Ärzte, Pfarrer, Heiler, Krankenschwestern, AIDS-Berater usw bunt gemischt und kommen aus dem ganzen Umkreis! Sister Ann ist es furchtbar peinlich, dass es so viele wurden, obwohl doch die meisten Teilnehmer ihr Essen selber bezahlen mussten..sie konnte einfach niemandem absagen. So wird es ein extrem anstrengendes Seminar:mit der linken Hand das Mikrofon halten, mit der rechten Hand eine Salbe rühren !

So versuchen wir das Programm irgendwie durchzuführen, von 26.Mai.-1.Juni

Programm: Montag: Technische Fragen. Erwartungen der Teilnehmer: Welche Krankheiten sind besonders wichtig? Antworten:

AIDS-Malaria-Typhus-Gastritis-TB-Geschlechtskrankheiten-Krebs-Hoher Blutdruck-Durchfall-Asthma-Diabetes-Nagelbettentzündung-Hautpilz

Welche Heilpflanzen besonders aktuell? Antworten:

Artemisia-Cannabis-Prunus africana-Cactus-Aloe vera-Papaya-Lantana-Ginseng

Definition des Begriffes "Natürliche Medizin" in Abgrenzung zu traditioneller und moderner Medizin.

Nachmittags: Teilnehmer stellten ihre mitgebrachten Heilpflanzen vor.

Aussaat von MORINGA OLEIFERA und MORINGA STENOPETALA (diese sind nützlich zur Wasserreinigung; Diabetesbehandlung;gegen Unterernährung), siehe Seminarbuch Kapitel "Moringa". Aussaat von ARTEMISIA ANNUA gegen Malaria , siehe Seminarbuch Kapitel "Artemisia". Austeilen und Erklären des Posters "60 Heilpflanzen".

Dienstag: Ökologie und Präventivmedizin, im ersten Kapitel des Seminarbuchs kurz, im Lehrerhandbuch ausführlich beschrieben. Gruppenarbeit: Vergleich eines "entwickelten" mit einem "unterentwickelten" Dorf anhand einer Zeichnung aus Madagaskar. Diskussion der möglichen "Approaches" eines Dorfentwicklungshelfers. Anschliessend Gruppenarbeit als Ratespiel: Wer kennt Namen und Wirkung von 60 textfrei abgebildeten Heilpflanzen?

Nachmittags Produktion des "Schlangensteins", des Öls gegen Krätze. Wanderung: Suchen von Heilpflanzen in der Umgebung.

Mittwoch : Malaria: Vorbeugung und Therapie von Malaria mittels verschiedener Heilpflanzen. Artemisia annua: eine neue Heilpflanze gegen Malaria: Landwirtschaft und Pharmakologie.

Donnerstag: DOSIERUNG: Exakte Dosierung per Volumen (Produktion einer graduierten Messflasche) oder per Gewicht (Produktion einer Apotheken-Waage für jeden Teilnehmer). KONSERVIERUNG: Haltbarmachung von Nahrungsmitteln, Blättertees, Samen usw auch in subtropischem Klima mittels Zucker oder Salz oder Alkohol oder - am billigsten- intensiven Trocknung: Vorstellung eines Solarofens. Kontrolle der Haltbarkeit mittels Hygrometer; jeder Seminarteilnehmer bekam dieses Gerät.

Freitag: Hautpflege, Kosmetik, Hautkrankheiten; Behandlung von Abszessen , Wunden und Verbrennungen.

Produktion von medizinischen Ölen und Salben: Produziert wurde Rheumasalbe aus Chillis, Wachs und Sonnenblumenöl; Hämorrhoidensalbe aus Artemisia- und Guavablättern. Artikel des Haushalts: Schuhcreme.

Produktion von verschiedenen Seifen. Warnung vor Quecksilberseifen aus Dubai.

Samstag: Gruppenarbeit: "Der Glaube an Injektionen" in Afrika , anhand einer Karikatur. Diskussion darüber.

Praxis: Verwendung von Niem, Zwiebel, Knoblauch, Avocado, Kohl und Aloe bei Hautproblemen. Thema Durchfall: Vermeidung und Behandlung der verschiedenen Krankheiten, von Vergiftung, Amöbenruhr bis Cholera, mittels Heilpflanzen (s.Kapitel 4). AIDS: Immunstimulation durch Artemisia.

Bei allen Seminarteilnehmern waren nun 20-50 der gesäten Artemisiasamen aufgegangen; alle bekamen gekeimte Moringasamen mit nach Hause.

Evaluation und Diskussion der Weiterarbeit. Austeilen von Materialien.

Ein grosses Fest ist der Abschluss, und ich bat darum, keine Geschenke zu bekommen....unmöglich: Desire und ich werden reich beschenkt mit Nüssen, Wanderstock und traditionellen Kleidern.

Sonntag 1.Juni: Besuch einer presbyterianischen Kirche im Aussenbezirk Bamendas; einen Teil der Predigt darf ich übernehmen....

2. Juni: Besuch beim Oberbürgermeister, einem presbyterianischen Christen. Vor der Tür steht sein verbranntes Dienstfahrzeug als "Mahnmal an die Februarunruhen", die (gegen die landesweite Politik) rebellierenden Jugendlichen hätten ihn fast umgebracht, sagt er. Er ist sehr freundlich und aufgeschlossen und will unsere Sache (kostenloses Gebiet für ein anamed Zentrum) freundlich unterstützen....Rund ums Bürgermeisteramt stehen die zerstörten Müllautos, weiterhin zerbrochene Müllcontainer, viele davon aus Plastik, die wohl bis zum Ende der Welt dort stehen bleiben....

3. Juni. Während wir das erste Seminar "Newcomer" seminar bezeichnen, bezeichnen wir das 2. Seminar grammatikalisch falsch als "Oldcomer" Seminar: Teilnehmer vom Seminar 2007, aber auch besonders Aktive aus dem gerade zu Ende gegangenen Seminar sind eingeladen. Als wunderschönen Ort bekamen wir dafür den Gästetrakt des Benediktiner- Mönchklosters in Mbwengi, 20 km ausserhalb Bamendas. Ich musste letztes Jahr versprechen dass die Teilnehmerzahl bei maximal 15 bleibe...vergeblich, 35 Leute machten sich auf den Weg und mussten untergebracht werden! Als "Gute-Nacht-Geschichte" erzähle ich die Entstehungsgeschichte und Philosophie von anamed, und zwar so erfolgreich dass der Grossteil der Teilnehmer noch während der Rede zu schlafen beginnt.

4. Juni Unterricht und Gruppenarbeit zu "Mission und Vision" von anamed. Erfahrungsaustausch! Father Joseph berichtet wie nebensächlich dass mit Artemisia plus Moringa und auch anderen Heilpflanzen etwa mehrere HIV Patienten HIV negativ wurden. Am Nachmittag besuchen wir im Regen den weitläufigen, extensiv bewirtschafteten Heilpflanzengarten des Klosters. Am Nachmittag, zurück im Saal, werden auf einmal alle hellwach und bleiben es bis spät in die Nacht, denn wir sprechen über Politik und Zukunft von anamed Kamerun. Wir verständigen uns darauf, die Idee eines "nationalen Büros" ruhen zu lassen und Mitte 2009 Neuwahlen durchzuführen; bis dahin sollen die Teilnehmer in 2 regionalen Gruppen sich selbst organisieren (anamed Kumbo und anamed Bamenda).

5. Juni Rückfahrt aus diesem beschaulichen Ort.....

6. Juni Rückfahrt mit dem Bus nach Douala

7. Juni Sonntag: Besuch des katholischen Gottesdienstes, Besuch der anamed Klinik einer Seminarteilnehmerin von 2007 am Rande der Universität. Sie sagt: "Mein Mann wollte dass ich in China chinesische Medizin studiere; jetzt nach dem anamed Seminar kann ich mir die Reise ersparen, ich weiss nun genügend über unsere eigenen Heilpflanzen.“

8. Juni morgens: Ankunft in Stuttgart.....reich an Erfahrungen und dankbar für alle Spender in Deutschland und für alle MitarbeiterInnen in Kamerun die dieses "alte, neue Wissen" so weit in ihr schönes Land tragen...möge Gott sie dabei beschützen!

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