Tansania 2006

Reisebericht Tansania 2.6.-10.7.2006

by Hans-Martin Hirt

2. Juni: Flug mit KLM nach Nairobi. Seit 3 Monaten ist es in Deutschland kalt und regnerisch. Vom Flugzeug aus gesehen ist ganz Europa in Wolken eingepackt, erst über dem Mittelmeer kann ich hinabschauen und denken.....ja da kommen arme Afrikaner irgendwo auf Schrottbooten nach Europa, und hier oben im Flugzeug fliegen reiche Europäer und auch ein paar reiche Afrikaner im Luxus in die Gegenrichtung....gibt es eine afrikanische Firma die in Europa abholzt? Gibt es eine afrikanische Weltgesundheitsorganisation die vorschreibt welche afrikanische Medikamente für europäische Krankenhäuser gut genug sind? Über der lybischen Wüste sind die Wolken verschwunden. Meine Gedanken gehen 6000 Jahre zurück, damals herrschte der Urwald in der heutigen Sahara Wüste...was können wir tun damit Zentralafrika nicht auch zur Wüste wird?

Um 18 Uhr komme ich pünktlich in Nairobi an. Das Taxi quält sich 2 Stunden ab für 20 km, die Innenstadt ist total verstopft, die 4 spurige Strasse wird von ungeduldigen Autofahrern auf 7 Spuren "erweitert", Fussgänger retten sich in den Strassengraben, ist das eine "entwickelte Stadt"? Mein Mitarbeiter Philip Mateja erwartet mich schon im Gästehaus Mayfield.

3. Juni: Einkäufe. Es gibt in Kenia praktisch alles zu kaufen. Ich schicke Philip zum Optiker und zum Zahnarzt: die "Zivilisation" zerstört die Zähne der Afrikaner, aber Zahnärzte die mehr können als Zähne zu ziehen sind extrem rar und teuer. Leute aus dem Dorf müssen mehrere Monatsgehälter hinlegen, um auch nur ein Zahnloch füllen zu lassen...

4. Juni, Sonntag: Wir verbringen Pfingsten im Bus "Akamba Royal" und fahren 12 Stunden lang von Nairobi nach Entebbe/Uganda; eine wirklich wunderschöne Fahrt, vorbei an Pyrethrum- und Teefeldern, und vor allem ganz unafrikanisch: Jeder von uns hat wirklich einen ganzen Sitzplatz, ohne dass Dir fünf Leute auf dem Schoss sitzen....  Übernachtung bei den freundlichen kath. Schwestern von St. Ulrika.

5. Juni Pfingst-Montag: Wir besuchen die Krankenschwester Sr. Flora, die vor 8 Jahren an unserem Seminar teilgenommen hatte. Die Hälfte ihres Heilpflanzenfeldes besteht aus etwa 100 Artemisiapflanzen, sie hat also gute Erfahrungen damit gemacht! Leider ist ihre Ausrüstung primitiv...

Besuch bei "Marianum Press", einer Druckerei die seit Jahren für anamed- Gruppen in Congo, Kenia und Uganda druckt, für uns eine grosse Hilfe! In diesem Jahr können wir aus Spendengeldern für 12.000 Euro anamed Bücher und Poster bestellen! Wir packen 10 Säcke davon ein, und mieten einen LKW der diese nach Kampala zur Busstation bringt, ich fürchte den Busfahrer trifft der Schlag wenn er unser "Reisegepäck" sieht.

6. Juni Dienstag: Rückreise mit dem nun so schweren Bus nach Nairobi. Zum Glück hat unser Gästehaus einen Container, wo wir alle Säcke kurzfristig verstauen können!

7. Juni Mittwoch: Besuch bei "anamed Kenia", bei Roger Sharland, der ein Nahrungs-verbesserungs Programm leitet und unsere Bücher und Poster zu lagern bereit ist. Wir decken uns bei ihm mit "anamed T-Shirts" und Heilpflanzensamen ein. Philip geht wieder zum Zahnarzt, was für ein Privileg für ihn....Unseren Taxifahrer laden wir zum Essen ein, aber "dank" seinem täglichem Fanta und Cola sind seine Zähne so kaputt, dass er fast nichts beissen kann.

8. Juni Donnerstag: Bei "General Plastics" im Industriegebiet Nairobis kaufen wir 3 grosse Säcke Flaschen und Salbendosen (nichts aus PVC!) für anamed Seminare in ganz Ostafrika ein. Kurz vor Mitternacht besteigen wir den "Scandinavian Bus" nach Tansania.

9. Juni Freitag: Der Zoll übersieht unser riesiges Gepäck, aber an der nächsten Polizeikontrolle wird es ernst: entweder 50 Euro Korruption zahlen oder den Bus verlassen; wir entscheiden uns für das erstere.... Dr. Peter Feleshi holt uns an der Busstation "Makutano" ab, und holt gleich per Handy ein weiteres Taxi herbei, aus Angst sein Landrover würde unser Gepäck nicht überleben....herzlicher Empfang im kath. Gästehaus "Epheta" in Musoma, direkt am Viktoriasee!

10. Juni Samstag: Besuch im "anamed Zentrum Bunda" , das Haus "Conzelmann Foundation" wird schon erweitert, ein grosser Heilpflanzengarten mit grossen Schildern des lateinischen Namens jeder Heilpflanze ist vorhanden. Der Bevölkerung soll so gezeigt werden, hier wird keine Zauberei getrieben , sondern wissenschaftlich gearbeitet....die Nachbarn sind trotzdem misstrauisch!

11. Juni Sonntag: Die Seminarteilnehmer tröpfeln ein: Aus ganz Tansania, Comores, Uganda, Simbabwe, Mosambik, Malawi...jeder ist zunächst begeistert vom Gästehaus direkt am Ufer des Viktoriasees!

11.-18. Juni: Und so erleben wir alle eine gute gesegnete Woche miteinander. Als Mitunterrichter standen Mr. Godfried Nyarutila und Dr. Peter Feleshi zur Verfügung, die deutsche Krankenschwester Maike Ettling organisierte das ganze Treffen hervorragend!

Die Andachten wurden von den Teilnehmern gehalten. Da jeder Teilnehmer irgendeinen Eigenbeitrag leisten musste, waren alle aktiv bei der Sache und versuchten ein Maximum an Information und Materialien zu bekommen! Ein Kontrapunkt zum idyllischen Gästehaus waren die Berichte der Teilnehmer von der Not vor Ort, z.B. "die Trockenheit und Hungersnot in meinem Projekt in Südtansania ist furchtbar: Mein Nachbar hat ein Kilo Reis gestohlen, um seine Familie zu ernähren, und wurde vom Besitzer dafür lebendig verbrannt; das ist jetzt passiert, währendem ich hier auf dem Seminar bin, sagte mein Mitarbeiter am Funk...."

Ein Seminarteilnehmer sagt: "Jetzt verstehe ich erst, warum Artemisiatee so wertvoll ist und hier für 20 Euro das Kilo verkauft wird; bei uns in Arusha verkaufen die Bauern es an die Industrie für weniger als 50 Cents das Kilo!"

Philip erzählt: "Offiziell bekämpft das staatliche Krankenhaus unsere anamed Arbeit, aber in der Nacht schicken sie Patienten zu mir - seltsam!"

Zwei Höhepunkte gab es:

1. Am Mittwochnachmittag wurde das Artemisiafeld in Musoma besichtigt. Der Verantwortliche Dr. Feleshi konnte klar zeigen, wie Artemisia mit Bodenverbesserern (Leguminosen wie Tephrosia vogelii) kombiniert werden kann, ohne dass der Artemisia-Ertrag sinkt.

2. Am Freitagnachmittag kamen 11 HIV-positive Patienten zu Besuch und berichteten, warum sie mit Artemisia wieder ein normales Leben führen können...s. extra Bericht!

18. Juni: Abreise der "Newcomer" und Ankunft der "Oldcomer", d.h. früheren Seminarteilnehmern

19. Juni Da wir verlangen dass diese Teilnehmer ihre Fahrtkosten selbst bezahlen, kommen nicht mehr als 6 Personen. Die Hungersnot ist doch grösser als ich dachte.....Wir haben einen ganzen Tag Zeit um über ihre Erfahrungen, v. a. bei AIDS kranken und Malaria, zu sprechen.

Ergebnisse, in absteigender Häufigkeit:

A."Was waren Eure wichtigsten Pflanzen?": Artemisia-Guava-Moringa-Aloe-Lemongras

B. "Welche Krankheiten habt Ihr am meisten behandelt?"

Malaria-Hämorrhoiden-Hautkrankheiten-Rheuma-AIDS-Durchfall-Asthma

C. "Welche Produkte habt Ihr am meisten produziert?"

Amöbentee-Artemisiatee-Hämorrhoidensalbe-Rheumasalbe-medizinische Kohle-Sojamilch-Kissen mit Eukalyptuspulver gegen Asthma-Colgatepulver-Krätzeöl-Seife-Antifliegenöl mit Eukalyptus-Schlangenstein....

21. Juni: Godfried und Philip besuchen eine Druckerei in Mwanza, und handeln den Preis zum Druck unserer Poster dort herunter. Ergebnis: Wir bekommen den gleichen, sehr guten Preis wie in Uganda, sodass wir in Zukunft auch dort drucken können!

22. Juni: Um 5 Uhr morgens Abfahrt mit dem "Billigbus" Coast Line durch die Serengeti nach Arusha. Es gibt keinen besseren Bus....Der Busfahrer fährt ganz brutal über Stock und Stein, jetzt verstehe ich warum ich der einzige Weisse im Bus bin...Unterwegs werden immer mehr Passagiere zugeladen, und ich muss mir überlegen wo ich auch nur meine Füsse hinstellen kann? Ein zehnjähriger Junge übergibt sich voll auf den Schoss zweier Herren die ihm im Anzug gegenübersitzen - alle drei lachen darüber, kinderfreundliches Afrika!

Gegen ein Trinkgeld erhalte ich ganz vorne einen Sitz, wohlwissend dass ich den kleinsten Unfall nicht überleben würde. Mehrmals wird mein Anorak von einem spitzen Nagel zerrissen, der aus der Buswand ragt.Wir fahren durch die Serengeti, als Weisser darf ich 100 Dollar Gebühr dafür bezahlen, Afrikaner zahlen nur 2 Dollar. Dafür sehe ich wirklich einen Löwen am Strassenrand! Und Hunderte von Safari Autos, die von Arusha aus kommend Touristen herumführen und oft nur mit 2 Touristen besetzt sind, dennoch qualmt ihr Auspuff nicht gerade naturfördernd....!

Um 13 Uhr steigt der Bus hoch zum Ngorongoro Krater, es wird empfindlich kühl und die nächsten 2 Wochen für uns auch so bleiben....während Deutschland schwitzt! Um 14 Uhr führt die Strasse steil nach unten, und der Busfahrer bemerkt dass die Bremsen versagen. Rechtzeitig bringt er den Bus zum Stehen und versichert mir, dass sei die erste Panne seit 5 Jahren! Er versucht die ölverschmierten, geplatzte Bremsleitung mit Sekundenkleber zu flicken - es geht nicht. Ich opfere meinen Tesafilm stattdessen, darum herum wird ein alter Fahrradschlauch gespannt und mit meiner Schnur mehrmals umwickelt. Siehe da, wir kommen zumindest heile den Berg hinunter, dann heisst es drei Stunden in der Stadt Oldeani warten. Aus der Moschee wird eine schreiende Ansprache so laut übertragen, dass es die ganze Stadt hört, anhören muss: "Warum Christen besser Moslems werden sollten". Ich bin ehrlich entsetzt, was hier Muslime unter "Dialog der Religionen" verstehen.

Nach drei Stunden warten kommt das ersehnte Ersatzteil, und wir schaffen es noch vor Mitternacht, im katholischen Gästehaus "Center House" anzukommen.

23. Juni Wir (Philip und ich) treffen Matthias Troff mit Frau Viki und Kind Benjamin, und den ganzen Tag nutzen wir für Einkäufe: 60 Leintücher, 30 Decken usw, denn Matthias hat uns vorgewarnt, dass die Zustände in Kibaya sehr "basic" seien....

24. Juni Wir fahren nun ganz luxuriös im klimatisierten Toyota mit Familie Troff nach Kibaya. Kibaya liegt in der Maasai Steppe, im Hochland 200 km südlich vom Kilimandscharo. Die anglikanische Kirche betreibt dort ein Unterrichtszentrum und hatte uns eingeladen. Die 36 Teilnehmer sind bunt gemischt: Mehrere Maasais, weiterhin Krankenschwestern und Pfleger, 2 deutsche Apothekerinnen, der anamed Leiter aus Malawi Nelson Moyo, Priester und Pfarrer. Das Zentrum ist erst ein Jahr alt, und wir danken Matthias vielmals für seine grosse Arbeit, dass er es wieder herrichtet für uns.  Die Abholzung ist ein riesen Problem und es blutet einem das Herz, wenn für die Küche unseres Seminars dann auch noch die wenigen Bäume abgeschlagen werden, die das Buschfeuer überstanden haben. Es ist eine "vergessene Region", die Quellen der Berge sind nicht eingefasst und grösstenteils versiegt, und betrunkene Maasais liegen im Strassengraben ...es gäbe viel zu tun hier! Die Bevölkerung steht zum Teil 4 Stunden in der Schlange, in praller Sonne, um einen Eimer Trinkwasser zu ergattern - oder muss im vertrockneten Flussbett nach versalztem Wasser graben. Für Reiche gibt es Trinkwasser in PET-Flaschen, die dann auf Abfallhügeln wochenlang vor sich hin brennen...wer weiss welche Gase dabei entstehen???

25.Juni bis 2. Juli: Seminar in Kibaya. Die Teilnehmer sind sehr interessiert und beklagen sich nicht. Einen Solarofen hat hier noch nie jemand gesehen, so stecken wir einen einfachen Karton in eine transparente Plastiktüte und siehe da, erreichen bereits 100 Grad, viel zu viel um Heilpflanzen zu trocknen!

4. Juli Wir verlassen Kibaya mit der Hoffnung , viele Anstösse gegeben zu haben, und dass - bei leerer Apotheke des Krankenhauses- viele Menschen nun wenigstens mit anamed- Medizin Heilung finden, und dass die Muslims und Christen, die am Seminar teilnahmen, etwas von der Liebe Gottes erfahren durften! Auf der Rückfahrt machen wir Halt bei Graham, der kranke Kühe von Maasais aufkauft, pflegt und gesund wieder an verarmte Maasaifrauen weitergibt. Wir vereinbaren und finanzieren ein anamed Seminar im August mit Philip als Lehrer, nur für Maasais, im freien Gelände! Kosten 500 Euro.....

Wir übernachten in Arusha (J.M.Tours, Barbro Finskas) in einer früheren Privatwohnung einer christlichen Schwedin, die Wohnung wurde zum Gästehaus umfunktioniert; der 25 jährige "Askari" = Nachtwächter Ernesto schläft in der gleichen Wohnung, und bis spät in die Nacht gibt er uns hochinteressante Einblicke in die Maasai Kultur. Er versucht mit meiner Hilfe seinen Namen zu schreiben, jeden geglückten Buchstaben quittiert er mit fröhlichem Gelächter: ich bin beschämt wie wenig ein Mensch zum Glück benötigt....

Mittwoch 5. Juli: Treffen mit Mechthild Keller, einer katholischen Schwester, die auf eigene Faust, ohne Orden, auf Einladung des Bischofs, im heissesten Gebiet Tansanias eine Missionsstation betreibt: am Lake Natron an der Grenze zu Kenia. Wir vereinbaren ein neues Seminar mit ihr, Philip und mir bereits im November 2006. Seminarort wird Njiro bei Arusha sein, anschliessend werden wir eine Woche am Lake Natron arbeiten...wir freuen uns darauf!

Donnerstag, 6. Juli: Mein Wunsch geht in Erfüllung, wenigstens einmal den Kilimandscharo sehen zu dürfen, solange die Klimaveränderung ihm noch nicht die Eiskappe gestohlen hat. Doch die Anfahrt im Bus ist lange, bis wir am "Gate" stehen: Wer dann als Weisser den fast 6000 m hohen Berg besteigen will, muss für Eintritt, Führer plus Träger an die 1000 Euro rechnen für 6 Tage.

Freitag 7. Juli. Besuch im Canossa Spiritual Centre in Njiro, Arusha, um das Seminar vorzubereiten. Nachmittags Rückfahrt mit "Riverside" Minibus nach Nairobi, (5 Stunden). Gute Übernachtung im "Flora Gästehaus".

Sonntag, 9. Juli Rückflug vom "kalten Afrika" ins seit langem schwitzende Deutschland! Ankunft am 10. Juli.

Vielen Dank allen die diese Reise ermöglicht haben: Den Spendern von anamed international, der Stiftung Baden-Württemberg, dem Oberkirchenrat, Maike Ettling und Mitarbeiter in Musoma, Matthias Troff und Mitarbeiter in Kibaya!

 

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